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Die friesischen Sprachen (Nordfriesisch und Saterfriesisch)

Der Sprachgebrauch und das Bekenntnis zu einer Muttersprache sind in Deutschland nach dem Grundgesetz ebenso frei wie das Bekenntnis zu den nationalen Minderheiten und den weiteren traditionell in Deutschland heimischen Volksgruppen. Die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen ist die persönliche Entscheidung eines jeden einzelnen, die von Staats wegen nicht registriert, überprüft oder bestritten wird. Es gibt keinerlei Statistiken, die auf ethnischen oder sprachlichen Merkmalen basieren. Daher gibt es auch nur Schätzungen über die Zahl der Sprecher der Regional- oder Minderheitensprachen.

Das Friesische, als eigenständige und angestammte Sprache des nordseegermanischen Zweiges des Westgermanischen, unterscheidet sich deutlich vom Niederländischen und Niederdeutschen und ist sprachhistorisch eng mit dem Alt-Englischen verwandt. Es hat sich in drei Sprachzweigen entwickelt, dem Westfriesischen, dem Ostfriesischen und dem Nordfriesischen. Das Westfriesische wird in der niederländischen Provinz Friesland gesprochen. Das Ostfriesische hatte seine Heimat im niedersächsischen Ostfriesland. Beide Regionen sind das historische Kernland der Friesen. Nordfriesisch wird im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein gesprochen.

Die Ostfriesen sind bereits um 1500 von der friesischen zur niederdeutschen Sprache als Urkundensprache übergegangen. Überwiegend bis 1800 haben sie ihre friesische Ursprache aufgegeben, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zuletzt auf einer der Nordseeinseln.

Nur im oldenburgischen Saterland nahe der Grenze zu den Niederlanden wird von etwa 2.000 Personen noch das zum ostfriesischen Sprachzweig gehörende Saterfriesisch gebraucht. Etwa doppelt so viele Menschen verstehen Saterfriesisch. Trotz vieler nieder-deutscher Lehnwörter hat das Saterfriesische seine sprachliche Eigenständigkeit erhalten. Jedoch wurde der saterfriesische Sprachraum im Laufe der Jahre immer kleiner, bis die Sprache fast ausgestorben war. Heutzutage ist bei den Saterfriesen schrittweise eine Verstärkung des Gebrauchs der saterfriesischen Sprache festzustellen, nachdem bei den Schulkindern die Bereitschaft zur Aneignung dieser Sprache wächst und die Kommunikation der Kinder mit der Großelterngeneration in der saterfriesischen Sprache wieder eingeleitet worden ist.

Nachdem die Friesen vor etwa 1000 Jahren auch nördlich des friesischen Kernlandes gesiedelt hatten, wurde ihre Sprache vom Alt-Dänischen in einer Reihe von sprachlichen Merkmalen beeinflusst und entwickelte sich zum heutigen Nordfriesischen. Das Nord-friesische besteht aus zwei Dialektgruppen mit neun Mundarten: sechs (das sog. Kontinentalfriesisch) werden an der schleswig-holsteinischen Westküste (einschließlich der Halligen) gesprochen und drei (das sog. Inselfriesisch) auf den küstennahen Inseln Sylt, Föhr, Amrum und Helgoland. Trotz der durch die Aufgliederung in Dialekte erzeugten sprachlichen Vielfalt überwiegt die sprachliche Gemeinschaft des Nordfriesischen. Von den insgesamt neun Dialekten des Nordfriesischen sind drei, die von weniger als 150 Menschen gesprochen werden, akut vom Aussterben bedroht. Die verbleibenden sechs Dialekte werden nicht nur mündlich gebraucht, sondern sind auch verschriftlicht. Die Orthographie folgt dabei weitgehend einheitlichen Regeln. Das erste Buch in nordfriesischer Sprache erschien im Jahre 1809. Seitdem ist eine umfangreiche friesischsprachige Literatur entstanden, die insgesamt mehrere hundert Bücher und außerdem mehrere tausend verstreut erschienene Beiträge umfasst. Damit ist gewährleistet, dass die friesische Sprache auch den Ansprüchen an ein modernes Kommunikationsmittel genügt.

Die Zahl derjenigen, die sich von Abstammung und Selbstverständnis her als Nordfriesen fühlen, wird auf 50.000 bis 60.000 Personen geschätzt; das ist ein Drittel der Bevölkerung dieser Region. Von ihnen sprechen etwa noch 10.000 Nordfriesisch, weitere 20.000 Personen verstehen diese Sprache.

Die nordfriesische Sprache ist insbesondere bei den auf den Inseln und Halligen lebenden Friesen noch in größerem Anteil Familiensprache. Auf dem Festland trifft dies nur zum kleineren Teil zu. In gemischtsprachigen Ehen tritt Deutsch oft in den Vordergrund. Größter Verein der friesischen Volksgruppe ist der 1902 gegründete Nordfriesische Verein. Er hat etwa 4700 Mitglieder und verfügt über 25 örtliche Vereinigungen. Ein kleinerer Teil der Nordfriesen betrachtet die Friesen als eigenständiges Volk. Sie sind in der Foriining for nationale Friiske (Verein nationaler Friesen) organisiert, der etwa 625 Mitglieder umfasst und politisch mit der dänischen Minderheit zusammenarbeitet. Beide Vereine setzen sich für die Erhaltung der Sprache, Kultur und Landschaft Nordfrieslands ein. Das Nordfriisk Instituut in Bredstedt wird getragen vom Verein "Nordfriesisches Institut".

Dachorganisation der Friesen ist der Interfriesische Rat, der sich aus drei Friesenräten - den Sektionen Nord (im Land Schleswig-Holstein), Ost (im Land Niedersachsen) und West (in den Niederlanden) - zusammensetzt. In der Sektion Nord des Friesenrats sind Vertreter des Nordfriesischen Vereins, der nationalen Friesen und ein Vertreter des Nordfriesischen Instituts Mitglieder. In der Sektion Ost sind Vereinigungen der Ost- und der Saterfriesen zusammengeschlossen. Für den ostfriesischen Bereich sind dabei im Wesentlichen zu nennen die Ostfriesische Landschaft (Körperschaft des öffentlichen Rechts), der Landwirtschaftliche Hauptverein für Ostfriesland, die Oldenburgische Landschaft (Körperschaft des öffentlichen Rechts) und der Friesische Klootschießerverband. Die saterfriesischen Belange werden in dieser Sektion vom Seelter Bund wahrgenommen, einem Verein, der sich insbesondere der Pflege der saterfriesischen Kultur und Sprache widmet.

Darüber hinaus gibt es im ganzen ostfriesischen Raum eine Vielzahl von örtlichen Heimatvereinen, die sich der Pflege und Erhaltung des friesischen Brauchtums verschrieben haben.

Beim Schleswig-Holsteinischen Landtag besteht ein "Gremium für Fragen der friesischen Bevölkerungsgruppe im Lande Schleswig-Holstein", dessen Vorsitzender der Landtagspräsident ist. Das Gremium erörtert in der Regel zweimal im Jahr Fragen, die die friesische Bevölkerungsgruppe im Land betreffen, mit dem Ziel, die friesische Sprache und Kultur zu pflegen und zu fördern. Dem Gremium gehören Vertreter der Landtagsfraktionen, die Bundestagsabgeordneten Nordfrieslands, Vertreter der Landesregierung und Vertreter des Friesenrats - Sektion Nordfriesland - an. Auch in Kommunalparlamenten sind Nordfriesen vertreten. In einigen dieser Gremien wird in den Sitzungen auch Friesisch gesprochen.

Von großer Bedeutung für die Pflege, Förderung und Erforschung der friesischen Sprache, Kultur und Geschichte ist das "Nordfriisk Instituut" in Bredstedt als zentrale wissenschaftliche Einrichtung in Nordfriesland. Es ist vor allem auf den Gebieten Sprache, Geschichte und Landeskunde Nordfrieslands wissenschaftlich und publizistisch tätig. Das Institut unterhält eine Fachbibliothek und ein Archiv und bietet Seminare, Kurse, Arbeitsgruppen und Vortragsveranstaltungen an. Es wird getragen von dem etwa 850 Mitglieder zählenden Verein Nordfriesisches Institut und insbesondere von staatlicher und kommunaler Seite finanziert.

Forschungsarbeiten zur friesischen Kultur Ostfrieslands werden sporadisch von unterschiedlichen Institutionen, darunter auch öffentlich-rechtlichen Körperschaften, in Angriff genommen. Die Erforschung der saterfriesischen Geschichte, Kultur und Sprache ist jüngeren Datums. Eine saterfriesische Schriftsprache ist nicht überliefert. Bekannt ist eine saterfriesische Sprichwörtersammlung des Saterlandes aus dem Jahre 1901. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde begonnen, für die Sprache Rechtschreibregeln festzulegen.

1980 erschien ein "Saterfriesisches Wörterbuch", eine verbesserte und stark erweiterte 2. Auflage ist in Vorbereitung. Weitere Veröffentlichungen sind Textsammlungen wie "Saterfriesisches Volksleben" und "Saterfriesische Stimmen". Die Zentralstelle für die sprachliche Landesforschung an der Universität Göttingen führte eine Befragung von 10% der Bewohner des Saterlandes unter Mithilfe der Verwaltung der Gemeinde Saterland durch. Das Projekt soll Erkenntnisse über das Bewusstsein der Angehörigen der Volksgruppe zur eigenen Geschichte und Kultur liefern. Die saterfriesische Sprachforschung liegt insbesondere in den Händen eines an der Universität Oldenburg tätigen Germanisten.

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