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Jörg Boström: Kultur im Netz - Versuch einer Klärung im Internet

Je allgemeiner ein Begriff, desto schwieriger wird eine Diskussion darüber. Und fast unmöglich erscheint mir, den von der Redaktion erbetenen grundsätzlichen Text zum Thema "Kultur" zu schreiben. Dagegen gehört zu unserer gegenwärtigen Kultur – was immer das ist – der Dialog im "Netz", im Internet. Ich versuche hier, diese Kulturpraxis anzuwenden, um mir selbst bei der Frage zu helfen: Was ist eigentlich Kultur – was ist die "unsrige", was ist die "fremde"? Freunde helfen mit bei der Peilung und am Samstag, den 16. Dezember, um 9.54 Uhr eröffne ich das Diskussionsforum "Kultur" unter www.virtuelles-magazin-2000.de im Internet.

Da ich nicht weiß, was Kultur ist, mache ich mich kundig. Im Duden-Fremdwörterbuch steht zunächst: Kult, lat. Pflege – das wusste ich wirklich noch nicht. Dann weiter: Kultur – die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes. Wie soll ich etwas schreiben über diese "Gesamtheit"? Dann gibt es noch weiter politische Kultur, Bürgerinitiativen (wir wurden damals als Chaoten verschrien!), Wahl, Umweltschutz, kommunale Selbstbestimmung etc. das Infragestellen von üblichen Lebensformen – immerhin, das steht sogar im Duden. Wenn ich also schreibe, male, fotografiere, dann bin ich Teil dieser Gesamtheit – auch mit diesem Text. Dann lese ich in der Zeitung, dass das Kopftuchtragen aus religiösen Gründen in der Schule verboten sei. Als ich 1959 meinen zweiten Schwarm bestaunte, wir beide wenig über 20 Jahre alt, trug sie ein schickes Kopftuch – und das neben den Tempelsäulen von Paestum. Mehr Kultur geht kaum. Aber sie trug es nicht aus religiösen Gründen. Warum ärgert sich die herrschende Kultur heute über ein Kopftuch? Im Internet finde ich 10 Seiten allein zum Thema Kopftuch, das nicht getragen oder doch getragen werden darf – aus religiösen Gründen. Darf ein Mensch sich eine Folterszene um den Hals hängen? Wohl nicht, es wäre vielleicht eine Aufforderung zum sadistischen Akt. Aber aus religiösen oder auch dekorativen Gründen eine zu Tode gekreuzigte Gestalt? Im Namen unserer Religion, die sich diesen Brauch erdachte, hat man viel gefoltert.

Annette Bültmann ist Fotografin und Webdesignerin. Sie schreibt ins Diskussionsforum am Samstag, den 16. Dezember, um 9.58 Uhr:
Das Kultur-Thema finde ich sehr interessant. Auch wie die Menschwerdung mit der Entstehung von Kunst und Kultur zusammenhängt – und ob man sagen kann, dass Kunst eines der speziell menschlichen Merkmale ist, die uns dann vielleicht doch vom Tier unterscheiden. Dann noch der Zusammenhang der Worte Kultur und Kult, Entstehung von Mythen und Religionen und das Nachdenken über die eigene Existenz als menschliches Thema, auch das im Zusammenhang mit Kunst.

Ich erwidere Samstag, den 16. Dezember, um 10.03 Uhr:
Vielleicht ist die Kultur doch ein Stück Menschwerdung. Es beginnt mit der Mode, der Verhüllung der zarten Teile, welche allerdings die Austreibung aus dem Paradies zur Folge hatte. Diese Paradiesbaumblätter waren offenbar das erste modische Kunstwerk. Das Bewusstsein, dass man sich schämt, führt zur Kultur, das Gefühl, dass man nicht einfach mit sich und allem zufrieden ist, dass man gerade nicht mit der Natur übereinstimmt. Für mich beginnt dies mit der Kunst, den ersten Bildern und Körperabdrucken in den Höhlen. Da beginnt die Grenzziehung zum Tier. Unkultur, das war offenbar ein paradiesischer Zustand – man kommt dem Gegenstand Kultur und seinem Begriff wohl näher über lästerliche und ehrlose Betrachtungen.

Kim Boström ist Physiker und Webgestalter. Er meint am Samstag, den 16. Dezember, um 10.07 Uhr:
Kultur ist für mich der Kampf gegen die Langeweile.
Ein wichtiger Satz für mich während des Studiums stammt von dem Maler Giogio de Chirico: "Nietzsche lehrte uns die tiefere Bedeutung der Sinnlosigkeit des Lebens und wie diese Sinnlosigkeit verwandelt werden könne in Kunst".

Annette fragt sich am Samstag, den 16. Dezember, um 10.16 Uhr:
Wie viel wissen wir von frühen Kulturen?
Schamanische Zeremonien kann ich mir vorstellen, für die Masken und Trommeln hergestellt wurden, was aber vielleicht eher unter "Kunsthandwerk" fällt. Dann die Höhlenmalerei: es entstanden wechselnde Stilrichtungen, aber sie haben wohl alle etwas zwischen gegenständlicher und abstrakter Darstellung; nicht Natur abbilden wollen, sondern vielleicht eher die Kräfte der Natur, vielleicht auch etwas Magisches. Zumindest ist es in meiner Vorstellung ein magischer Moment, als der erste Höhlenmensch bei Fackelschein mit seltsamen Lehm- oder Rußfarben (keine Ahnung, was sie wirklich benutzt haben) seine Striche gemalt hat. Dann entstehen städtische Kulturen, z.B. in Ägypten, Indien, China, der arabischen Welt, dem Amerika der Maya-Inka-Tolteken-usw.-Zivilisation. Ihre Kulturen haben bei aller Unterschiedlichkeit auch Ähnlichkeiten. Es gibt jetzt mehr Motive, Darstellungen aus dem menschlichen Leben, Alltagsszenen, aber auch Zeremonien, Herrscher, Darstellungen von Göttern und ihren Geschichten. Auch das nicht realistisch, sondern zumindest anfangs eher flächig, grafisch; zusammen mit der Entstehung der Schriftzeichen. Gleichzeitig werden Tonkrüge und Mauervorsprünge zu Tieren und seltsamen Halbwesen, und es entstehen Skulpturen und Reliefs. Aber was hat sie zu alldem getrieben? Symbolisch hat ihnen ja Prometheus das Feuer gegeben und kurz davor, danach oder gleichzeitig müssen sie wohl auch die Kunst, die Sprache und die Schrift bekommen haben.

Und am Samstag, 16. Dezember, um 16.10 Uhr fragt sich Annette weiter:
Gibt es eine absolute Kultur?
In der Philosophie gibt es im Bereich der Moral den Begriff "Relativismus", das bedeutet eine Einstellung, welche die Moral abhängig macht von der jeweiligen Zivilisation, Epoche, Region; jede Gesellschaft habe eigene Vorstellungen von Moral und man könne darauf als Außenstehender keinen Einfluss nehmen, weil es keine übergeordneten Moralvorstellungen gibt. Diese Einstellung wird dann problematisch, wenn es um solche Dinge wie Menschenopfer oder Todesstrafe geht. Im Gegensatz dazu gibt es die Meinung, dass es sehr wohl absolute Moralvorstellungen geben könnte, es nur sehr schwierig sei, sie zu definieren, herauszukristallisieren. Nach welchen Gesichtspunkten soll man das tun? Kann man das auf den Bereich der Kultur übertragen? Gibt es absolute Kultur, Dinge, die unabhängig von Gesellschaft oder Zeitalter zum Bereich der Kultur gehören? Kann man Kultur irgendwie definieren, kann es wissenschaftliche Methoden geben, die uns sagen, was Kultur ist? Wie kann man es bewerkstelligen, dass der Begriff Kultur uns weniger neblig erscheint?
Inzwischen denke ich, dass unsere ganze europäische Kultur dadurch beeinflusst worden ist, dass sich das Christentum in der Form, wie es die Institution Kirche vertritt, seit zweitausend Jahren so stark hier verbreitet hat, und dass wir alle deshalb Leiden für etwas Normales halten. Es scheint mir die Einstellung zu sein: irgend jemand muss leiden, aber Hauptsache, es erwischt im Moment gerade nicht mich. Vielleicht ist es so verbreitet, weil es einen sehr dunklen Teil unserer menschlichen Natur anspricht?

Und dann kommen ihr doch Skrupel, ob sie das Christentum nicht zu gnadenlos verrissen hat, am Samstag, den 16. Dezember, um 21.52 Uhr:
Gerade habe ich selbst das getan, worüber ich mich bei anderen manchmal beklage: nämlich dunkel mit negativ und hell mit freundlich, angenehm, positiv gleichzusetzen. Vielleicht könnte man damit einen interessanten Kulturvergleich anstellen? Was bedeuten hell und dunkel in den verschiedenen Kulturen? Z.B. das chinesische Yin und Yang soll ja vielfältige Bedeutungen haben; nicht nur männlich/weiblich; vor allem auch keine starren Gegensätze, sondern eher so was wie "schattige oder sonnenbeschienene Berghänge", das ändert sich ja je nach Tages- und Jahreszeit und geht in einem ständigen Rhythmus ineinander über.
Aber jetzt zum positiven Einfluss des Christentums auf die europäische Kultur, so wie er sich mir darstellt: Wenn ich es recht verstehe, sollen Starke und Schwache, Gesunde und Kranke, Arme und Reiche, kleine und große Geschöpfe vor Gott gleich sein. Jedes Geschöpf leistet irgendwie seinen Beitrag, auch wenn wir vielleicht unseren eigenen Beitrag zum Ganzen manchmal nicht richtig verstehen. Vielleicht hat sich das auf die Kunst ausgewirkt, indem sie so eine erstaunliche Vielfalt in ihren Themen, Motiven, Gegenständen entwickelt hat, indem jedes Bild ein ganz eigenes Geschöpf, etwas Gesundes und Krankes, Schönes und Hässliches, Reiches und Armes darstellt, Klöster und Bordelle, Sturmlandschaften und Stilleben, Meditation und Revolution usw.? Mit dem Verschwinden der Gegenstände im abstrakten Bereich der Moderne wird die Vielfältigkeit womöglich nur noch größer. Dazu kommt eine andere für die Kunst günstige Auswirkung – ich kann das Lästern doch manchmal nicht ganz lassen: die Unterdrückung von Trieben in einer Gesellschaft führt eventuell bei glücklichen Umständen dazu, dass diese sich dann in Kunstwerken ihren Weg ans Tageslicht bahnen. Und das kann vielleicht der Schaffenskraft ungeahnte Ausdauer verleihen...

Henry Graffmann reagiert auf die Internetdiskussion am Samstag, den 16. Dezember, um 22.36 Uhr. Henry ist Fotograf und selbst in Chile aufgewachsen. Eine umfangreiche Arbeit von ihm dokumentiert das Leben und das Lebensgefühl eines Indianervolkes. Er ist so vom Schicksal gefördert und gefordert und selbst "multikulturell".
Hallo aus Berlin, habe gerade Nachricht von diesem Forum erhalten und hoffe, dass es ein sehr lebendiges wird.
Kultur, Unkultur, Leitkultur, Gartenkultur, Pilzkultur, Streitkultur, Kult, Kultusministerium, abendländische Kultur, Kulturdenkmal, Kulturleistung, Essenskultur. Was man nicht so alles mit dem Begriff Kultur anstellen kann. Kultur scheint ein fragiles Gebilde zu sein. Wer keine hat, ist ausgeschlossen, Außenseiter.
Und doch kann niemand den Begriff in wenigen Worten auf den Punkt bringen. Wir messen uns und andere und vor allem fremde und vergangene Kulturen an den entsprechenden "Kulturleistungen". Wo, wann und unter welchen Umständen Kultur entstanden ist, wird vermutlich ebenso schwer zu beantworten sein wie die Frage nach der Menschwerdung. Der unsichtbaren und scheinbar magischen Grenze zwischen Affe und Mensch. Dieser Übergang geht einher mit der Bewusstwerdung des Menschen (prima interpretiert von Stanley Kubrick in "2001 Odyssee im Weltall").
Sich selber erkennen als Individuum. Sich selber als solchen zu erkennen, geht immer mit einer Abgrenzung zum Gegenüber oder zum Anderen oder zu einer Gruppe einher. Diese Abgrenzung oder Differenzierung führt zu Festlegungen des Eigenen oder des Gemeinsamen einer Gruppe. Schon haben wir Kultur oder zumindest den Keim dessen, was Kultur ausmacht. Gleichzeitig ist in diesem Erkenntnisprozess auch die Grundlage gelegt für Auseinandersetzungen aller Art. Denn erst die Differenzierung, die Abgrenzung und somit die Ausgrenzung führt zu den uns allzu bekannten schrecklichen Folgen des Menschseins, zu dem hilflosen Versuchen, mit Gewalt eine gestörte oder verletzte Identität zu retten oder zu etablieren. Nur wenn wir uns unser selbst sicher sind, brauchen wir diese Gewalt nicht. Sich selbst sicher in dem Sinne, dass wir kein Problem mit der Realität anderer haben – wenn wir sie nicht zerstören müssen, um uns unserer selbst gewahr und gewiss zu werden.

Annette, die oft nachts arbeitet, antwortet Henry am Sonntag, den 17. Dezember, um 4.50 Uhr:
Wenn es aber Kultur immer nur in Abgrenzung einer Gruppe gäbe, wäre das eine Antwort auf meine Frage, ob es absolute, von der jeweiligen Zivilisation unabhängige Merkmale von Kultur gibt. Das müsste man dann wohl verneinen. Aber gibt es nicht auch weltweite Gemeinsamkeiten? Zumindest haben alle Kulturen eine Malerei, eine Schrift, Skulpturen und Musik entwickelt. Aber was genau sich da entwickeln würde ohne den Einfluss der jeweiligen Gruppe oder Gruppen – um das herauszufinden wäre wohl eine Art Kaspar-Hauser-Experiment denkbar – aber nicht durchführbar. Morgen mehr.

Henry schaltet sich am Sonntag, den 17. Dezember, um 10.06 Uhr wieder dazu:
Der Gedanke der Abgrenzung ist nun mal leider eher negativ behaftet. Wie so oft, hat auch diese Münze zwei Seiten. In der entstehenden Gemeinsamkeit finden wir ja auch das Positive. Ich denke schon, dass "Gemeinsamkeit" in einer Gruppe, einem Volk die äußeren Bedingungen für das Entstehen von Kultur ist. Sicherlich gibt es unabhängige Merkmale von Kultur, immerhin sind die Bedürfnisse des Menschen rund um den Globus doch weitgehend die gleichen. So müssen sich beinahe zwangsläufig ähnliche Ausdrucksmittel finden. Ich schätze, dass das Entstehen und der Wandel von Kultur genährt werden muss in der Interaktion mit anderen oder dem Anderen, Fremden, Unbekannten, womit ich leider schon wieder bei der Abgrenzung lande. Verflixt und zugenäht. Es muss doch da noch eine positivere Herangehensweise geben!?

Ich bin nun so gespannt beim Lesen der von mir ausgelösten Debatte, dass ich mich gegen meine ursprüngliche Absicht, sie einfach laufen zu lassen, nun doch einmische am Sonntag, den 17. Dezember, um 12.13 Uhr:
Hallo Annette und Henry,
unsere Kultur ist christlich geprägt und schon deshalb voller Widersprüche. Ich glaube nicht an die Auferstehung des Fleisches, an ein ewiges Leben, an die Jungferngeburt, an den Jesus als Gottessohn, nicht an seine leibliche Himmelfahrt und daran, dass er richten soll die Lebendigen und die Toten. Aber seine Lehre selbst, die ich achte, steht in vielen Punkten im Widerspruch zur Kirche, die in seinem Namen Kriege führte, noch heute schwangere, unverheiratete junge Frauen aus dem Dienst entlässt und zugleich Abtreibung abstraft, andere Kulturen nicht als gleichwertig achtet, sich als Stellvertreter Gottes aufspielt und damit eine Macht über die Menschen beansprucht, die nicht einmal dem Staat einzuräumen ist, die einen Glauben an Wunder fordert und mit dem jetzigen Papst noch verstärkt ins Bewusstsein drückt, Unfehlbarkeit für sich beansprucht, die historischen Zusammenhänge und Widersprüche im alten und neuen Testament durch dumpfe Glaubenslehren zudeckt. Gerade die Widersprüche aber treiben diese unsere Kultur weiter. Sie ist labil und dynamisch. Das Sprengen von Konventionen ist Kulturprinzip, nicht nur in der Kunst.
Der Widerspruch zwischen der Lehre von Jesus und der Kirche bestimmt wohl auch die Dynamik unserer Psyche und Kultur. Jesus vertrat ein freies, fast revolutionäres und zugleich gewaltfreies Prinzip. "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Seine Achtung vor anderen Kulturbereichen zeigt sich im Gleichnis vom barmherzigen Samariter und im Spruch zum Zinsgroschen. Sein Streiten schon als Kind mit den Pharisäern steht für unabhängiges, von der jeweiligen religiösen Autorität unabhängiges Denken, ebenso die Gruppenstruktur der Jünger außerhalb der offiziellen "Kirche". Es ist der fast vollkommene Widerspruch zur angemaßten Autorität einer "Staatskirche" als gesellschaftlicher Macht, die sich zum Beispiel später nach blutigem 30-jährigen Gemetzel – bei dir, Annette – in Münster zum westfälischen Frieden zusammenrottete, welche dem Volk die jeweilige Religion des amtierenden Herrschers verordnete: cuius regio – eius religio, da wo du wohnst, wird dir die Religion verordnet – null Toleranz. Erst der aufgeklärte, wenig fromme Friedrich erlaubte in Preußen jedem, nach seiner facon selig zu werden.

Annette antwortet sofort, Sonntag, den 17. Dezember, um 16.48 Uhr:
Ich fand es immer einigermaßen nervtötend, dass sich der Geschichtsunterricht so sehr mit Jahreszahlen von Kriegen beschäftigte. Deshalb habe ich da eine Art Verdrängungsmechanismus entwickelt und alles vergessen, außer natürlich, dass es diese schrecklichen Kriege gegeben hat und dass sie im Verlauf der Geschichte immer tödlicher wurden. Aber inwieweit es dabei um die Religion ging, bzw. ob es wirklich darum ging? Man könnte sich das generell fragen: kann oder darf überhaupt Religion der Grund für einen Krieg sein? Oder werden Religionsstreitigkeiten dann nur als willkommener Anlass benutzt?

Am Montag, den 18. Dezember, forscht Annette nach Spuren zum Kulturstreit im Netz:
Eben habe ich eine interessante Internetseite gefunden, auf der es um ethnische Konflikte geht. Habe die Sätze kopiert, die mir für das Thema Krieg am wichtigsten erscheinen:
"Aus der Verschiedenheit von Hautfarbe oder Religion eines Menschen muss an sich nicht mehr folgen, als aus verschiedenen Haarfarben oder Körpergrößen. Sie sagen alle nicht mehr aus, als dass sich Menschen in bestimmter, meist äußerlicher Hinsicht unterscheiden. Dies mag völlig bedeutungslos sein. Ethnizität verleiht nun bestimmten dieser Unterschiede im Gegensatz zu anderen eine besondere, herausgehobene Bedeutung, und verknüpft sie mit der eigenen "Identität" – wobei die eigene Identitätsstiftung nicht selten auch über die Definition eines "anderen" geschieht oder gefördert wird. Schwarz zu sein oder weiß, Jude oder Christ zu sein ist dann nicht länger eine Trivialität einfacher menschlicher Unterschiede, sondern Teil der Identität, die mich von anderen abgrenzt. Jetzt ist es von entscheidender Bedeutung, ausgerechnet schwarz oder weiß, Jude oder Christ zu sein. Es geht also bei der Ethnizität nicht primär um die Existenz wirklicher Unterschiede, sondern um die Definition von identitätsbezogener Bedeutung von realen oder fiktiven Unterschieden." Aber ich glaube, wir sollten uns vielleicht nicht zu lange beim Thema Krieg aufhalten, denn das ist ja nur die eventuelle Schattenseite der kulturellen und/oder religiösen Identität/Abgrenzung?

Am Dienstag, den 19. Dezember, um 15.23 Uhr, kommt Annette auf ein ganz anderes
Thema zu sprechen:
Mir ist aufgefallen, dass wir bisher noch nicht beim Thema alltägliche Fernsehkultur, Zap-Kultur angekommen sind. Auch ich sehe immer seltener einen Film ganz – außer wenn er beim Zappen gerade zufällig anfängt. Ansonsten sehe ich manchmal ein Gemisch aus visuellen Häppchen, Filmausschnitte, aus denen man dann wieder wegzappt wegen der Werbung, um auf einem anderen Kanal in einer Dauerwerbesendung für Kosmetik zu landen und auf dem nächsten in einer Talkshow mit z.B. Schminktipps oder Beratung für Schönheitsoperationen. So gehen Werbung und Programm ineinander über. Eigentlich könnte man ja denken: Je mehr Sender es gibt, desto besser das "Kultur"-Programm. Aber es scheint nicht so zu sein. Die Möglichkeit des 24-Stunden-Dauerzappens und Berieselnlassens kommt natürlich der Zielgruppe der Schlafgestörten entgegen.
Bei mir, der ich nicht schlafgestört bin, ist der Vormittag die Hauptarbeitszeit, als Lehrer, als Maler, am Computer. Auf das Zappen mag ich gerade nicht eingehen, es ist von Annette treffend beschrieben. Dafür muss nun endlich das leidige Thema wenigstens angesprochen werden. Mittwoch, den 20. Dezember, um 11.50 Uhr:
Zum Thema deutsche Leitkultur fallen mir nur polemische Sprachbilder ein wie Leithammel, Leitsystem, Leitlinie, Leitzordner. Die Bürokratisierung im deutschen Kopf erfasst offenbar auch den Kulturbegriff. Zumindest im konservativen Lager. Heute lese ich in der Zeitung, dass es die konservative Front in der Nachbarstadt Minden wohl endlich geschafft hat, die Skulptur von Wilfried Hagebölling von dem Martinikirchhof weg und in den städtischen Bauhof zu bringen, "in einen der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Ort", wie es in dem Schreiben an den Künstler heißt. Der Bildhauer klagt. Ich denke, die Leitkultur hat schon einmal das Deutsche gegen das Entartete durchzusetzen versucht. Die Skulptur heißt "Keilstück". Ein nun besonders treffender Name. Für unsere Diskussion in dieser Zeitschrift schlage ich als Ergänzung einen Blick in das Internetprojekt http://www.leidkultur.de vor. Da sind Fotografien, die zeigen, was als deutsch gelten möchte – eine Schau zum schaudern.

Am Mittwoch, den 20. Dezember, um 19.51 Uhr bin ich schon wieder bei dem christlich-demokratischen Thema:
Das Wort "deutsche Leitkultur" ist für mich ein Widerspruch in sich. Die Kulturentwicklung, für mich am Beispiel der Kunst, ging immer aus dem Widerspruch gegen die bisher bestehende Kultur und die mit ihr verbundenen Verengungen und Erstarrungen hervor. Die jeweiligen neuen Epochen und Stile sprengten das Bestehende mit einer meist gegenläufigen Tendenz. Kunst ist so auch Widerstand gegen gesellschaftliche Normen und Übereinkünfte, eben gegen jede Leitung und ihren Anspruch. Kunst/Kultur ist die Entwicklung des Neuen und die Aneignung des Fremden, der japanischen Grafik etwa durch van Gogh und Toulouse-Lautrec, der afrikanischen Skulptur durch Picasso und die deutschen Expressionisten. Oft geht die Entwicklung aus dem Angriff hervor gegen den bestehenden Kunst- und Kulturbegriff, in Frankreich des 19. Jahrhunderts gegen die Kunst des Salons und ihren bürgerlichen Anspruch. In diesem Sinne ist das Bestehen auf Leitkultur eher Unkultur und bürgerliche Barbarei der Bequemlichkeit, der Bevormundung, eine Art, dem Neuen, Fremden ablehnend zu begegnen und Neuartiges zu ersticken. Zum Glück gelingt das nicht, auch nicht bei der nationalen Leitkultur des Dritten Reiches.

Am Freitag, den 22. Dezember, um 15.47 Uhr stelle ich einen Text von Vilém Flusser,
dessen Vorträge mich oft fasziniert haben und den ich noch persönlich kennen lernen konnte, ins Forum:
Über die Chance der Migration lese ich in einem Zitat von Flusser: "Den größten Teil meines Lebens engagierte ich mich in dem Versuch, eine brasilianische Kultur (Flusser lebte lange in diesem Land) aus okzidentalen und levatinischen, aus afrikanischen, eingeborenen und fernöstlichen Kulturelementen zusammenzufügen...die Migration ist eine kreative Situation..." Vielleicht ist eine Ursache für die häufig festzustellende Überlegenheit des jüdischen Denkens – auch Flusser war Jude – in der Not der ständigen Vertreibung, der "babylonischen Gefangenschaften", der Fluchten durch Jahrhunderte und der Konfrontation mit und der Aneignung von fremden Kulturen zu finden, in dem Zwang zur ständigen, lebenserhaltenden Reflexion, Aneignung und Synthese.

Annette schreibt Sonntag, den 24. Dezember, um 6.08 Uhr:
In der "offiziellen" genauso wie in der Subkultur tauchen immer irgendwann gegenläufige Tendenzen auf, d.h. es gab verschiedene Arten der Abgrenzung oder des Rückzugs aus der Öffentlichkeit. Die Punk-Kultur als Abgrenzung durch für Normalbürger erschreckendes Äußeres. Partykulturen, die sich in "clubs" treffen, in Räumlichkeiten ohne Fenster, die von Szenefremden kaum betreten werden. Aber gleichzeitig ist ein kulturelles Leben überhaupt, z.B. eine Musikkultur, doch immer für irgendeine Öffentlichkeit gedacht; und die Subkultur existiert vielleicht nur durch ihre Abgrenzung vom jeweiligen mainstream, so dass ein ständiges Spannungsfeld entsteht?
Nach Weihnachten, einem Kulturereignis, das von Juden, Moslems, Buddhisten, Zeugen Jehovas und vielen anderen kulturellen Gruppen nicht gefeiert, von uns christlich erzogenen Menschen jedoch für das Wichtigste gehalten wird, geht das Gespräch weiter.

Joachim Bertram macht auf ein eher vitales Bedürfnis aufmerksam. Es ist Dienstag, der 26. Dezember, 11.31 Uhr:
Kultur – sub oder hoch – ist doch auch ein Stück Nestwärme, sich identifizieren, einkuscheln. Ein täglicher Umgang mit dem Selbstverständlichen, das erst in der Begegnung mit dem Fremden nicht mehr so selbstverständlich ist. Vielleicht auch daher die Angst und die Ablehnung des Fremden mit den daraus sich entwickelnden Aggressionen – aus Angst um die eigene Sicherheit und das Selbstverständnis.


So gerät das Gespräch im Eindruck von Kälte und Dunkelheit im Winter in ein Bedürfnis nach Nähe zu Menschen, welche das Netz nicht bieten kann und auch nicht die Problemdiskussion.

Annette reagiert noch am gleichen Tag um 17.17 Uhr:
Das mit der Nestwärme stimmt, das ist sicher manchmal das, was man sucht, in den kleinen Kreisen, in die man sich zurückgezogen hat. Das wäre dann so was wie Familienkultur, eine Art Wahlfamilie. Früher muss es ja so was wie Familienkultur gegeben haben, d.h. von einer Generation zur nächsten weitergegebener Beruf, dann Familienwappen u.ä. oder im häuslichen Bereich Rezepte, Web-Stick- und sonstige Handarbeitstechniken usw. – Kann man das vergleichen mit den heutigen Gruppenkulturen? – teilweise sicher; Frisur und Kleidung sind nicht unbedingt was sehr anderes als der traditionelle Familien-kilt in Schottland z.B. (hoffentlich stimmt das jetzt, ich war noch nie in Schottland). Die Gefahr dabei wäre dann, dass die "Familie" zu klein oder zu in sich abgeschlossen werden könnte und dann in Strukturen der neurotischen Kleinfamilie verfällt? (Ich meine damit nicht, dass jede Kleinfamilie neurotisch sein muss, nur dass die Gefahr besteht – und das passt auch zur Angst vor und zur Ablehnung von Fremdem).

*

Ich schließe vorläufig die Diskussion – ich habe einen Termin zur Abgabe des Textes – wieder mit einem Fetzen Zeitung. Heute, am 4.1.2001, steht im Lokalteil der Stadt Herford, in der ich lebe, dass die Polizei einen Mord aufgeklärt hat. Ein türkischer Mann habe als Postbote verkleidet einen anderen türkischen Mann an seiner Haustür erschossen. Motiv Rache für einen früheren Mord an seinem Bruder, über den ein Familien-Ältestenrat ein Todesurteil gefällt habe aufgrund sexueller Ansprüche. Ist der Artikel fremdenfeindlich? Bin ich es, dass ich ihn hier erwähne? Ist auch die Tradition einer mörderischen Familienfehde Kultur?

(Der hier veröffentlichte Text ist eine stark gekürzte Fassung der tatsächlichen Beiträge im Internet-Forum. Die vollständigen Gesprächsbeiträge können unter www.virtuelles-magazin-2000.de abgerufen werden.)

Prof. Jörg Boström, Fachhochschule Bielefeld

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