Die Globalisierung schreitet voran, auch und ganz besonders in der Sprache. Fremde Wörter lassen sich verwenden wie unbekannte Kochrezepte. Immer mal eines ausprobieren, bei Gefallen abwandeln für den Hausgebrauch und aufnehmen ins Repertoire, das belebt die Küche wie die Sprache.
Mit einem Leporello beglückt zu werden, macht eben mehr Freude, als ein Faltbuch geschenkt zu bekommen. Manchmal trifft "meschugge" die Stimmung erheblich genauer als "verrückt". Und gelegentlich ist falsches Deutsch ohnehin das bessere, wie wir beispielsweise dank der Wiener Lehrerin Helga Glantschnig wissen.
Sie hat Sätze ihrer ausländischen Schüler gesammelt und im Luchterhand Literaturverlag herausgebracht, wobei einer auch zum Titel des Buches wurde: "Blume ist Kind von Wiese". Und wie steht es mit der Muttersprache? "Die Mutter spricht das Kind an, und das Kind kann sprechen, türkisch oder jugoslawisch oder. Deutsch ist meine neue Zunge." So hingerissen war der Lyriker Ernst Jandl von den Sprachschöpfungen, dass er das Vorwort zu dem Bändchen schrieb.
Aber wir wollen nicht ablenken. Derzeit jammert alle Welt über die Anglizismen, die das deutsche Idiom verhunzen. Wenn wir in einem Satz drei unverdauliche Englischbrocken vorgefunden haben, waren wir bislang davon überzeugt, jedem in diesem Lande stehe das Recht zu, sich blamieren zu dürfen. Jetzt allerdings hat uns Professor Krämer aus Dortmund mit seinem "Verein zur Wahrung der deutschen Sprache" Augen und Ohren für den Ernst der Lage geöffnet.
Hörfunk-Diskussionen und Talkshows zum Thema "Denglish" tun ein übriges. Und auch der Bundespräsident findet das Kauderwelsch daneben. Es scheint, die deutsche Sprache bröckele in diesen Tagen tausend Mal schneller als die Steilküste Rügens. Wird sie doch "durch eine steigende Flut amerikanischer Worte ‘zernagt’ und für viele von uns unverständlich", wie sich Berlins christdemokratischer Innensenator Eckart Werthebach unlängst ausdrückte.
Wo aber Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch. Nach französischem Vorbild will der oberste Dienstherr der hauptstädtischen Beamten das Deutsch kraft Gesetzes vor Amerikanismen schützen und eine Stelle schaffen, die fremdsprachige Wörter eindeutscht. Fragt sich nur, ob es eines weiteren Gesetzes bedarf, wo wir schon so viele haben. Und ob wir wirklich ein neues Gremium benötigen, wo es wahrscheinlich genügend Sprachbastler gibt, die aus dem "Handy" doch noch etwas Sinnvolles machen könnten.
Bis so ein Gesetzeswerk zum Schutz der Sprache auf den Weg gebracht ist, setzen zahllose Wellen von jenseits des Atlantiks ihr unseliges Nagewerk fort. Beginnen wir also gleich mit der Pflege des Deutschen. Lernen wir bei Senator Werthebach, wie es sich zu seiner vollen Pracht entfaltet, sofern die amerikanische Flut nicht daran knabbert. Nehmen wir seine Rede vor dem Landesparlament anlässlich der jüngsten Haushaltsdebatte: "Der Senat der Großen Koalition hat die bisherige Modernisierungspolitik in Verantwortung für die deutsche Hauptstadt entschieden vorangetrieben...Bürgerorientierung und Effizienz verbessern helfen...Politik der Innovation...Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass unsere Politik der Haushaltskonsolidierung sozialverträglich umgesetzt wird..."
Hmmm. Müssen wir diese Sprache wirklich vor feindlicher Übernahme schützen? Eigentlich ist sie so zäh, dass sie sich ohne gesetzlichen Beistand in Politik und Verwaltung behauptet.
Birgit Loff, Journalistin, Berlin