Erfurt hat die öffentliche Diskussion um Gewalt stark verändert, seitdem scheint es eine Zeit vor und eine Zeit nach Erfurt zu geben. Für Betrifft war das Thema Gewalt jedoch schon immer ein gewaltiges Thema – wenn auch wie für alle ein schwieriges.
Was Sie hier auf den nächsten Seiten lesen werden, ist bereits vor Erfurt konzipiert und geschrieben worden. Trotzdem bleibt es für diejenigen aktuell, die sich nicht von den eher holzschnittartigen und vorschnellen Erklärungsversuchen der letzten Zeit täuschen lassen. Denn auch nach Erfurt gilt: nicht alles, was nach Gewalt aussieht, ist auch tatsächlich Gewalt. Und nicht alles, was scheinbar harmlos daherkommt, erweist sich letztlich auch als harmlos. Denn Gewalt hat viele Gesichter. Sie zu entlarven bedarf eines differenzierten und bewussten Blickes; ihr zu begegnen, verlangt nach Klarheit, Selbstbewusstsein und Mut; ihre Macht jemals zu brechen gelingt nur mit uneingeschränkter Solidarität mit denjenigen, die immer wieder Opfer werden.
Gewalt versteckt sich gern zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen objektiver Diagnostik und subjektiver Wahrnehmung, zwischen strukturellen Bedingungen und individuellen Reaktionsformen, zwischen vermeintlich netten Worten und harschem Rassismus; zwischen legitimen Grenzerfahrungen und brutalen Grenzverletzungen. Das macht den Umgang mit diesem Thema so schwierig: denn die Übergänge sind oft fließend, Gewalt will sich nicht leicht identifizieren lassen.
Gerade darum muss Gewalt in jeder Gestalt immer wieder thematisiert werden.